Sylt I

Graupelschauer und Windböen

Café Mateike

is‘ voll

Tote Tante

Da kommt Frau X rein, Stammkundin. Frau X bittet mich, sich zu mir dazu setzen zu dürfen. Etwas betagter, möchte sie nicht stehend auf ihr Mittagessen warten. Take away. Kartoffelsuppe.

Getränk kommt, heiß; schlürfe.

Was das denn wohl sei, was ich da bestellt hätte, fragt Frau X und berichtet mir davon, dass sie und ihr Mann viele Jahre im Café Extrablatt gut eingeschenkt bekommen hatten. Nun ist er tot. Der Ehemann. Der Wirt nicht. Vielleicht auch. Muss ich selbst in Erfahrung bringen. Seitdem Herr X tot ist, geht Frau X nicht mehr hin. Seit 40 Jahren haben sie die Wohnung in Westerland. Geblieben ist sie, nach dem Tod von Herrn X. Die Kinder kommen selten. Aus der rheinischen Frohnatur ist ein kühles Nordlicht geworden.

Schlürfe. Immer noch heiß.

Die Suppe lässt sich Zeit. Frau X ist es recht, mir auch. Wie sie dazu gekommen sind, hier zu kaufen. Die Sicht könnte man ihr zum Glück nicht verbauen, sie wohnt ganz vorne. Auch ganz oben. Wir spekulieren, warum das Filet-Grundstück (Friedhof der Namenlosen) noch nicht bebaut worden ist, die katholische Kirche durfte was Neues errichten, gleich nebenan. Auf der anderen Straßenseite.

Abgekühlt, trinke. Zu schnell, lecker.

Sie würde mittags immer anrufen und fragen, was auf dem Speiseplan steht. Einen festen haben sie nicht, aber wenn Kartoffelsuppe, dann nimmt sie die gerne. Für sich allein kocht sie nicht mehr. Sind nur ein paar Schritte. Da kommt der Plastikeimer. Könnte eine Kompanie verköstigen. Frau X schreibt an, verabschiedet sich. Ich hoffe, dass ihr Heim einen Fahrstuhl hat. Diese auf 16 herunter gehungerte Dame hat schwer zu schleppen, links Mittag, rechts 500 Karat; ein Geschenk des verstorbenen Gatten.

Ausgetrunken.

Schreibe nicht an. Schlagseite. Nicht die Böen allein. Wanderstöcke halten die Waage. Busbahnhof. Heute nix Großes mehr zu Fuß. Muss liegen.

Tote Tante – gut eingeschenkt!

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