Der Bus 8750 fährt nach Demolierung und nach Mölln.
Da hat man mich hingeschickt.
Eben jenes, welches 1992 mit traurigen Schlagzeilen durch die Presse gegangen war. Neonazis hatten einen Brand gelegt, in dem drei Türkinnen zu Hause umgekommen waren. Außer diesem zum Gedenken eingerichteten Wohnhaus gibt es noch viel Till Eulenspiegel. Der war hier verstorben, 1350.
Ich bin nicht auf Urlaub, ich bin auf Kur. Blutige Anfängerin dazu.
Man kann Gastroenterologie und Diabetes.
Was man nicht kann, ist Hypertonie und Gewichtsreduktion.
Und scheint’s, auch nicht lesen…
Bei der Deutschen Rentenversicherung.
Meine Tage beginnen mit Moorbad um 06:50h: das ist ein brauner Lappen, der vom Heizkissen auf Touren gebracht wird. Ganz meinem Wunsch entsprechend, nicht mit den Anwendungen vor dem Frühstück zu beginnen. Die Hypertonie!
Frühstück in Buffetform. Abends auch. Man wird platziert. Einmalig. Und dann kommt Drill rein, Umsetzen soll nicht sein. Da wellen sich Ränder an Cervelat Wurst und Butterkäse. Ein paar Tomaten, Paprika aufgeschnitten, das Brot erinnert an frühe Tage in der Jugendherberge. Der Hagebuttentee kommt nur auf Wunsch. Gesund soll das sein. Heike saß nehmen mir. Adipositas. Redete wenig, musste immer zu essen. Bis zu dem Morgen, an dem ich keine Lust mehr auf immer die gleiche Wurst- und Käseauswahl hatte und eine mitgebrachte, asiatische Nudelsuppe verzehrte. Da ist Heike umgezogen. Ihr gegenüber Helge, ein ganz ein Witziger, der gerne in kanariengelben T-Shirts mit Aufdruck: ‚no kangaroos in Australia‘ speist. Martina vom Jobcenter gehört eigentlich schon zum Nachbartisch, braucht aber viel Ansprache. Das Amt hat Spuren hinterlassen. Und mir gegenüber Renate aus Schwerin, lustig, plaudern. Ein Lichtblick im Wust von Krankheitsgeschichten und Anwendungskommentaren. Würde sie nicht von den netten, jungen Männern, die so gerne innerstädtisch bei Thor Steinar einkaufen, berichten und den raffgierigen Flüchtlingen, die sie betreuen muss, denen sie die Wohnungen einrichtet.
Wenn Yoga draufsteht, gerne direkt nach den Mahlzeiten, auch Wassergymnastik wird für den vollem Bauch terminiert, ist nicht immer Yoga drin. Die Anweisungen nicht zu verstehen, die Entspannungsmusik ist zu laut. Bei der Wassergymnastik stimmt zumindest der „Wasser“-Anteil.
Pause
Allmorgendlich nach der ersten Runde Folter, besteige ich mein Rad, lenke es den Berg hinab zur „Genusswelt“. Trinke einen Kaffee, rauche ein wenig und nehme Teil am Leben. Die Stadtwerke bieten öffentlichen Zugang dazu. Die passierenden Menschen auch.
Die weitere Runde Folter bringt Massagen Stunden nach dem ‚Moorbad‘, die werden noch manuell verabreicht. Die Muskeln kalt, greift der Herr ordentlich in die Taten.
Gepaart mit einem Berg-Kopfkissen werde ich mir ein neues Leiden als Andenken mit nach Hause nehmen. Wir wandern mit Stöcken um den Parkplatz, bloß nicht zu viel Bewegung und ich muss lächeln, als ich an Käthe denke, der mal zu mir meinte; „Wenn Du mit dem Nordic Walking anfängst, kündige ich Dir die Freundschaft“. Nun ist er tot und ich dackele mit den Stecken über den Asphalt, der Stadtpark in Sichtweite.
Zum Mittag steht ein Portionsteller auf meinem Platz. Klassischer Dreiteiler: Kartoffeln, Soße, Fleisch. Gemüse ward selten gesehen. Schön mit so einer Plastikhaube. Egal wann, immer halb kalt.
Dafür ist die Sandbox angenehm warm. Grabe mit meinen Händen im Kies. Genieße die wohligen Temperaturen. Vielleicht könnte ich die beiden Programmpunkte zusammenlegen lassen?
Hangele mich von Sequenztherapie zu Blutdruckmessen (davon wird er auch nicht besser), von Einzelgespräch zu Laufband (20min und dann runter da), von Lernsupermarkt zu vielen, vielen Vorträgen (Fett und Cholesterin – Fliesen legen wäre mir gerade lieber), bei denen ich immer einnicke. Und wenn mein Wochenplan nichts Gutes erhoffen lässt, dann wird er täglich am Abend nochmal verschlimmbessert.
Und so friste ich mein Dasein zwischen Graubrot und 3/4 Hosen. Werde bei Ärzten vorstellig, man mag mich nicht gehen lassen, auch wenn man nichts mit mir anfangen kann, Es ist der Obolus der zählt, der mit mir gekommen war.
Zwei Wochen halten wir es miteinander aus, zwei Dinge habe ich gelernt: Immer Widerspruch einlegen und die schlimmste Krankheit: Bequemlichkeit.
Man hatte mich nach Mölln geschickt.