Sanitär

…eigentlich wollte ich davon berichten,

wie ich mal wieder mit den Fingern in die Steckdose gelangt hatte, anstatt den Lichtschalter zu erwischen, weil der – wo sonst – in der dunkelsten Ecke hinter der Tür angebracht war. Oder eine wilde Fahrt mit der Duschwanne gemacht habe, weil der Klempner der einen einzigen Schicht Silikon magische Kräfte beigemessen hatte. Oder ich durchs Bad gesegelt bin, weil der Duschvorhang 10 cm zu kurz, der Abfluss an höchster Stelle und ich das Aquaplaning unterschätzt hatte. Oder von den Fliesen, die mir mit samt Fugenmasse beim Haare trocknen aus der Wand entgegenkamen. Oder von der Lampe mit dem Loch in der Duschkabine, oder den offenen Kabeln in der Badewanne, oder davon, dass ich schon lange davon träume, Fliesenleger und Klempner in die Welt zu entsenden.
Wer also Kinder hat oder sich welche ausleihen kann oder plant, welche zu machen, deren Berufswunsch weder ausgereift noch gefestigt, geschweige den existent ist, oder selbst noch gut auf die Knie kommt, der hätte, meiner Meinung nach, allerbeste Chancen auf eine gesicherte Rente.

Na ja, wir sind alle schon mal verreist….
Und die von der Hausverwaltung entsendeten Handwerker sind auch nicht gerade die Begnadetsten.

Dann doch lieber Geruchswelten:
Steige und steige die Treppen der Altstadt von Tiflis empor. Bin nicht allein. Werde begleitet von dem, dem der „Kleine Tierfreund“ https://www.youtube.com/watch?v=FpBVtfD8Nrw vor langer Zeit eine ganze Sendung gewidmet hatte und der in unseren Gefilden stark vom Aussterben bedroht ist. Der Müffel. Deodorant und Weichspüler sind es, die ihm den Gar ausmachen. Irgendwann am späten Mittag muss er sich zu mir gesellt haben, bei 35 Grad im Schatten. Und bleiben würde er bis zum Abend. Bis ich zwischenzeitliches Heim zu Säuberung und Nachtlager aufsucht hätte. Zusammen erreichen wir die alte Kirche, die, wie die umliegenden Wohnhäuser, verfallen, nur über Stufen zu erreichen ist. Ein herrlicher Duft von frischem Bienenwachs empfängt uns. So, als seien die Kerzen gerade erst gezogen worden. Werfe den Schal übers Haar, betrachte die rußgeschwärzten Fresken und erfreue mich am Anblick der Kirchendienerin, die sich mit den öffentlich ausgelegten Streichhölzern die Ohren putzt.

Was hatte ich für einen Bammel vor meiner ersten Unterführung. Abgesehen davon, dass ich nicht verstehe, warum der Mensch der Maschine weichen muss. Ich habe keine Chance sie auszulassen. Die Prachtboulevards von Tiflis werden tags wie nachts als Übungsstrecken für die Formel 1 genutzt und haben, wie kann ich nur auf so blöde Ideen kommen, keine Zebrastreifen oder Fußgängerampeln. Und sollten sie die doch haben, heißt das nicht, daß gehalten wird. Vielleicht draufgehalten. Wenn in Rom, mach‘ es wie die Römer – ab in die Unterwelt.
Und die duftet nach knusprigen Broten und geschmolzenem Käse und warmer Butter und Popcorn und süßen Cremeschnitten. Khatchapuri, die Leib- und Magenspeise der Georgier, wird hier gerne vertrieben. Muss ja jeder dran vorbei. Ich auch. Das knusprige Backwerk – so lecker, der geschmolzene Schafskäse – so mild, die Butter – so üppig, das Ei – so weich, liegt wie ein Stein im Magen und ist kaum zu verdauen. Auch nicht mit Einnahme der vielgelobten und oft so krawalligen, georgischen Weine oder den zuckersüßen Honigschnäpsen, chacha genannt. Mein Appetit wird angeregt, trotzdem, jedes Mal. Jetzt habe ich noch mehr Bammel. Vor den Unterführungen.

Der hohe Kaukasus riecht Anfang September sehr nach Spätsommer. Zum Ende sind die Nächte empfindlich kalt und in der Luft hängt ein würziger Duft von Heu.

Die kleinen Busse, marshrutkas, mit denen ich über Land fahre, haben mittelgroßen Müffel als Kopfnote, als Herznote irgendetwas zwischen Benzin und Altöl und als Fußnote angezogene Handbremse. Nur wenn eine alte Frau mit Einkaufstüten einsteigt, dann wird alles Käse.

Die Straßen riechen nach Kuh, auch die grossen – nur die in der Hauptstadt nicht.

Der Araratbrandy, auch die alten Jahrgänge, nach Zahnarzttermin.

In Jerewan angekommen, muss ich nicht lange nach meinem Hotel suchen. Der nette Taxifahrer hatte mich fast vor der Tür abgesetzt. Was für ein Luxus, diese shared taxis, die fahren, wenn der Bus nicht voll wird. Eine alte Dame und ich sind die einzigen Fahrgäste. Von ihr wurde ich mit Keksen und Bonbons gefüttert und mit Händen und Füssen ausgefragt. Besteige den Fahrstuhl – Rezeption im 7. Stock stand draußen an der Tür. Und der duftet ganz herrlich nach Kaffee. Mit mir fährt ein Herr. Der hält keinen Togo in der Hand. Plaudert vor sich hin. Sehe keine Freisprechanlage. Wir halten. Der Herr plaudert weiter und wir halten wieder. Niemand steigt ein, niemand aus. Ich weiß wohl, dass da draußen einige Wahnsinnige rumlaufen, aber müssen die mit mir im Fahrstuhl fahren? Der Herr plaudert und lächelt mich freundlich an. Bin ich von Angst gezeichnet? Wir halten.
Da öffnet sich der Deckel vom Fahrstuhl und hinab steigt sein Kollege mit der Thermoskanne.

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