B wie Beirut

Wir haben Strom.
Ich weiß das, weil im Bad der Screamy One scheppert. Silensio Due wird es nicht über’s Mittelmeer schaffen.
Unser Nachbar ist mit der Flex zugange.
Die Stadt ist auch schon auf den Beinen, rumort.
Drehe mich auf die andere Seite und freue mich, dass der Wecker noch nicht geklingelt hat.
Eine Katze schreit im Hof, so, als müsste ich den Kinderschutzbund rufen.
Wir kennen uns schon.

Alle zusammen wohnen wir in einem großen, alten Haus in der Armenia Street.
Ein quirliges Pflaster. Von allem etwas.
Auf dem Weg zur Arbeit grüße ich den Gemüsehändler und bringe meine paar Brocken Arabisch an.
Meine Liebsten: der Hammel-Metzger, in seinem Schaufenster hängt still die Ware.
Der Bible Shop wirbt mit Lichterketten.
Ein Herrencoiffeur ist von der Liste gestrichen.
Mutet an, als sei seit 1930 nicht mehr modernisiert worden, weder Laden noch Kundschaft, aber bei Flugmotorenlautstärke Red Hot Chili Peppers hören.
Alles gut durchmischt von Baustellen, hippen Bars und Buden, die Besen, Backwaren und Baumaterialien verkaufen.
Stolpere beschwingt mit Stöpseln in den Ohren über die Straße, schlängelte an Autos vorbei, die Bordsteine gerne zuparken, wenn es denn welche gibt.
Kaufe Kaffee in der „Wunderbar“.
Ein Service hupt, ich höre es nicht.

Knallt gewaltig, wenn die Sicherungen rausfliegen.
Im Büro, so wie im Haus.
Am späten Nachmittag gebe ich es auf, den Schalter umzulegen.
Auch gut, haben mir die Stadtwerke einen frühen Feierabend beschert.
Heimwärts geht’s gerne direkt über die Straße zurück.
Das Prasseln von Regen auf Plastikmantel im Ohr.
Es gießt in Strömen.
Mit Blitz und Donner.
Der Flughafen wurde schlossen. Von allem zu viel (oder zu wenig…).
Zu den Autos kommen die Autofahrer.
Die gehen hier gerne aus.
Obwohl man drinnen rauchen darf, ist der liebste Ort, der vor der Tür.
Und die steht offen.
Und aus denen dröhnt es heraus.
Ab Donnerstagabend wird’s wirklich wild.
Auf der Straße Stau. Aus jeder Karre bläht die Anlage.
Aus den Kneipen sowieso.
Und die Ambulanz mittenmang, mit dem lautesten Horn.
Die basteln sich ihre Kundschaft selbst, dank Fahrstil und Sirene.
Nachts um eins kommt die Müllabfuhr. Ein Erlebnis. Denkt man, dass ist nun wirklich nicht mehr zu toppen, aber die kriegen das hin.

Beirut hat immer Ausgehabend.
Heute auch für mich.
Französisches Restaurant.
Wir sind zu viert, verstehen uns nicht.
Als ich den Kellner bitten will, die Musik leiser zu stellen, hört Sie auf.
Wie von Engelshand betrieben.
Und die Livemusic setzt ein.
Erste Bar, DJ spielt Tischtennis und läßt laufen.
Nächste Bar mit noch mehr Bekanntschaft.
Weichgespült ist Trumpf, immer und überall. Aber laut.
Sitze mit einem Kollegen und den liebgewonnenen Stöpseln, wir hören Krachiges.
Weiter geht’s Richtung Nachtclub.
Schon der Parkplatz ein Audioinferno.
Motoren röhren, der Laden wummert.
Man hat sich ein aufschiebbares Dach gegönnt, daß nur bei Regen geschlossen wird.
Der ist gerade aus.
Die Nachbarschaft hat freien Eintritt.
Stopfe Papiertaschentücher in die Ohren.
Auch ewig nicht mehr gemacht.

Und dann kommt, woran ich nicht mehr vermocht hatte zu glauben.
Laufe allein nach Hause.
Die Sonne ist aufgegangen.
Fast eine Stunde bin ich unterwegs.
Ein Auto fährt vorbei.
Es hupt nicht.
Ein älterer Herr kommt mir entgegen.
Und er hört keine Red Hot Chili Peppers.

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