87 km

Vor mir lagen also 87 km. Thiruvanathapuram bis an den südlichsten Zipfel Indiens: Kanyakumari.
Besteige einen Schrotthaufen der Marke Ashok Leyland.

Wie durch Engelshand geleitet, lande ich in der Frauenabteilung. Steht bestimmt auch irgendwo, kann ich aber nicht lesen.
Drei in einer Bank, rechts vorne. Meine Frage nach Platz wird mit einem sanften Lächeln und diesem Kopfschütteln, das wie eine geschwungene Acht aussieht, kommentiert. Mein Gepäck findet Unterschlupf beim Motor. Und wird später, viel später, gut gegart an mich zurückgegeben.
Der Fahrer Typ Hochschulprofessor für Fotografie.
Gelockte, kurze Haare, melierter Vollbart. Hornbrille. Was für eine Freude nach all den Schnauzbärten. Der kommt immer im Paket mit Schaffner.

Der einzige Sicherheitsgurt hindert die Tür am Herausfallen
Was an Rollos noch vorhanden ist, wurde heruntergelassen. Der Rest hängt schief. War nie da. Ist verrostet. Wir fahren mit Windschutzscheibe. An welcher in großen Lettern ‚De Luxe‘ steht und irgendetwas von Video. Das haben wir nicht. Muß später auf einer anderen Reise feststellen, was das für ein Glück war. Lautstärke kurz vor Hörsturz, viele Mord-Totschlag-Bilder.

Und dann geht es los. Der Motor heult ohrenbetäubend und die Hupe auch. Die ganze Zeit. Es wird durch Dörfer gebrettert. Sobald sich Mensch oder Tier auf den Straßen zeigt, wird Gas gegeben und noch lauter getrötet. An den in Ortschaften überholenden Bussen kann ich neben den Rücklichtern lesen: ‚Don’t signal‘, ‚sound horn‘. An SUVs: ‚think green, plant trees‘.
Die Damen verwickeln mich in Gespräche. Auf Hand-und-Fuß-Basis. Was immer an Informationen aus mir herauszubekommen ist, wird an Neuzugänge weitergegeben. Kekse und anderes Knabberzeug mit mir geteilt. Irgendwann sind alle wichtigen Fragen geklärt. Die Damen widmen sich wieder ihren Themen und ich mich der Aussicht und den Phänomenen des Reisens.
Stoppschilder werden mit maximaler Geschwindigkeit angefahren, um dann voll in die Eisen gehen zu können. Muss eine Freude für die Kaste der Zahnärzte sein. Die hohen Rückenlehnen haben an der Hinterseite eine Eisenstange zum Festhalten. Und die liegt haargenau auf der Höhe der Schneidezähne.
Die entschleunigenden Bodenwellen immer wieder eine Herausforderung für das Knochengerüst. Wir schleifen darüber, für’s Aufsetzen sind wir zu schnell.
Mal ehrlich, Stoßdämpfer sind sowas von überbewertet und deshalb vor langer Zeit platt gemacht worden.
Christusstatuen auf Verkehrsinseln sehen aus, als hätte der Bildhauer ein Faible für Sandalenfilme.
Am Wegesrand viele kleine Buden. Ein wildes Gewusel. Der Verkehr unüberschaubar. Die Straßenränder mit Müll gepflastert. Kleine, wehende Plastiktüten täuschen Blumen vor.


Dann fahren wir endlich unseren ersten Busbahnhof an. Dieser, wie auch alle weiteren, in einem freundlichen klogrün gehalten. Und so riechen sie auch. Vermeide zu trinken, um die Toiletten meiden zu können. Dafür nehme ich gerne Kopfschmerzen in Kauf. Einen Tee kann ich mir leisten, der verdampft bei dieser Hitze. Dafür muss ich zum Teestand. Und da stehen immer nur Männer rum. Mit Sicherheitsabstand werde ich begutachtet. Gelegentlich traut sich ein ganz Mutiger an mich heran. Weit und breit kein einziges, weißes Gesicht. Das soll auch so bleiben. Ist der Rucksacktourist in Indien ausgestorben?
Kurz vor Nagercoil Platzwechsel, komme an’s Fenster. Warum wohl? Die Sonne steht hoch und brutzelt auf meine Haut. Krame durch meine Habseligkeiten nach Sonnencreme. Als ich mich einschmiere: Totenstille. Alle schauen mir interessiert zu.
Hinter Nagercoil endlich grün. Reisfelder, Palmen, Landwirtschaft. Die ersten Kühe (auf diesem Weg). Ein Fest für das Auge die aus der Landschaft herausragenden Felsen. Hier und dort ein Tümpel mit Seerosen. Wenn nicht immer wieder Müllhalden das Bild drüben würden, ich wüsste, wo der Fotojournalist sein Futter findet.
Nach sechs Stunden werde ich an der Hauptstraße von Kanyakumari herausgelassen. Mit dreckigen Fingernägeln, von Staub gebräunter Haut, die Haare Typ Mattel Barbie.

Und mit leichter Panik! Meine nächste Etappe: 231 km…..

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