… wo Ayurveda draufsteht!
Es hätte mir ein Licht aufgehen können, als mir die Indische Botschaft ein Visum mit Männerbild ausgestellt hatte und ich am Donnerstagabend noch nicht wusste, ob ich Sonntag würde reisen können. Dann Freitag, am frühen Abend, eines mit meinem Konterfei im Pass abgeholt, dafür die Seite eingerissen und voller Kleber. Bei der Passkontrolle bin ich es dann wieder gewesen.
Dabei war alles soweit reibungslos verlaufen. Rückmeldung vom Kurzentrum mit positivem Bescheid. Flug wie gewünscht noch buchbar. Arbeit, soweit möglich, fertig gestellt und den Rucksack am Samstagabend gepackt.
Netter Sitznachbar bis Doha. Zwei entspannte Herren auf dem Weg nach Thiruvanathapuram.
Ankunft leicht verspätet. Gepäck, trotz verkürzten Umsteigezeiten, angekommen. In den frühen Morgenstunden eine Wechselstube geöffnet.
Der Fahrer wartet mit Schild in der Schlange.
Als wir das Kurzentrum erreichen, ist es noch dunkele Nacht, das Zimmer einigermaßen groß und ausgestattet. Ich frage mich, wo denn die anderen wohnen könnten. Drehe eine erste Runde im frühen Dämmerlicht und kann das Ausmaß der Katastrophe erahnen.
Im hübschen, kleinen Garten steht ein Schild: ‚Betreten verboten‘. Der anschließende partiell bepflanzt und die Aussicht mit Wäsche verhängt. So groß wie eine Briefmarke. Am Tisch sind vier Teller eingedeckt.
Schock schwere Not.
Rauche und bin ein bisschen verzweifelt. Hatte ich mir doch für Sonntag vorgenommen, nicht mehr schachtelweise die Kippen weg zu quarzen. Aber nicht deswegen war ich verzweifelt. Nein: wo war ich hingeraten?
Irgendwann übermannt mich die Müdigkeit. Eine nächste Runde zu Mittag. Es ist alles noch viel kleiner, als ich vermutet hatte. Noch kleiner…
Fünf Zimmer, max. 5 Gäste. Die Zimmer sind klein, da passen keine zwei rein.
Aus dem nahegelegenen Krankenhaus kommt die Kapazität Professor soundso.
Eine erste Konsultation. Kleines Tischchen wird aufgestellt. Antiquiertes Blutdruckmessgerät aus der Schachtel geholt. Manschette angelegt, das Handy klingelt, die Kapazität geht ran. Pumpen, das Handy klingelt, er geht ran. Pulsdiagnose, das Handy klingelt, der Professor geht ran.
Da ich nicht weiß, was ich will (was es für Anwendungen gibt) und er nicht, was er mit mir anfangen soll (das Handy klingelt – er nimmt ab), werde ich unverrichteter Dinge entlassen, aber zur Relaxing Massage soll ich. Davon wird der Ort auch nicht größer.
Abendessen mit Mitstreiterinnen. Wir plaudern vorsichtig. Man verabschiedet sich früh.
Die Nacht ein Vergnügen. Hinter meinem Zimmer hat es sich der Nachtwächter bequem gemacht. Bollywood Filmmusik. Nicht zu laut, aber auch nicht zu leise. Ab halb vier liegt die Kurklinik in der Flugschneise. In den frühen Morgenstunden wird in der Küche mit den Töpfen geklappert und die nahegelegene Baustelle nimmt an Fahrt auf.
Viel Leben in der Bude.
Man muss auch mal Glück haben.
Yoga um sieben.
Bin pünktlich, man hat schon angefangen.
Der Herr über dieses Reich ist auch unser Vorturner. Mitte/Ende 50. Knabenhafte Schultern, kleine Apfelbrüstchen, in einer langen Pluderhose, die er bis zu Achseln hochgezogen hat. Am liebsten mag ich die Momente, wenn er ‚breath out‘ – ‚breath in‘ – ‚relax‘ sagt und über uns eine altersschwache DC-9 hereinbrettert.
Würde ich den Arm heben, ich könnte den Rumpf des Fluggeräts ergreifen.
Frühstück. Verhaltene Gespräche.
Für die zweite Runde „Erholung“ des Tages verweigere ich mich und dackele durch’s Dorf. Besteige ein Tuk-tuk und fahre zum nächstgelegenen Strand.
Leben.
Schlendere und erklimme die Stufen zu einem Wirtshaus mit Meerblick. Bestelle Kaffee und rauche und fühle mich zumindest schon mal in Indien angekommen.
Runde durch den Ort, Besuch anderer Erholungsanstalten. Leider sind Umzüge nicht einfach zu bewerkstelligen. Sehr viele Willige, peak season…
Heimfahrt, Mittag, die Damen haben außer dem kargen Programm auch noch Abnehmen gewählt. Ich futtere allein. Massage.
Nette Frauen, die hier arbeiten, aber immer wieder dieselben Fragen stellen. Verheiratet, Kinder und der Kram. Alles andere fällt der Sprachbarriere zum Opfer.
Abendessen, Neuankunft: Frau, die jede Woche eine andere Sau durch’s Dorf treibt. Detox in Thailand, Rückführung in den USA, mindfull eating daheim und Ayurveda in Indien. Die Zweite, eine graue Maus, geht keinen Schritt allein und sieht so aus, als ob der Spaß immer auf einem anderen Planeten stattfinden würde, aber ganz sicher nicht auf dem, auf welchem sie sich gerade befindet. Eine Dritte, acht Wochen auf Kur, aber nicht ganz so zugeknöpft. Freitag soll eine Vierte zu uns stoßen. Dann sind wir komplett. Spätestens um acht liegt alles in den Betten.
Nur ich nicht.
Ich fühle ich mich, als ob alles, aber auch alles für meine Winterferien besser gewesen wäre.
Vielleicht sogar Schnee schaufeln in Sibirien.